Vom Filmset in den Simulationsraum
Funkenflug Co-Regisseur heute Specialist Technician an der University of Cumbria
Ein Portrait von Cheyenne Christmann
Wie in einem Videospiel huschen Bilder und Grafiken über die angestrahlten Wände. Drei Projektoren spielen auf Knopfdruck verschiedene Szenarien ab und transportieren die Besucherinnen und Besucher in einen völlig anderen Raum, der nicht nur visuell, sondern auch auditiv erlebbar wird. Von einem kleinen Tisch am Rand, ausgestattet mit zwei Tastaturen und Bildschirmen, steuert Finn H. Drude das Programm. Er hat gelernt, Geschichtenfilmisch zu inszenieren und nutzt genau diese Fähigkeit heute, um angehende Pflegekräfte auf Situationen vorzubereiten, die im echten Leben lebensentscheidend sein können.
„Früher habe ich in die Freundebücher geschrieben, mein Traumberuf ist Marktverkäufer oder Töpfer. Irgendwas muss mich daran fasziniert haben. Damals hätte ich mir nie vorgestellt, hier zu landen!“, erklärt der Specialist Technician for Digital Simulation an der University of Cumbria in Nordengland und grinst. „Wir bauen Szenarien, in denen die Studierenden unseres Gesundheitssektors in einem Schutzraum bestimmte Situationen kennenlernen können.“ Auch Extremsituationen könnten hier ohne reales Risiko praktisch geprobt werden. Die Übungen sollen den Studierenden erste Berührungspunkte und ein wenig Sicherheit für den realen Ernstfall vermitteln. Das Szenario „Security Breach“ im Escape-Room-Stil soll den Studierenden den Umgang mit vertraulichen Daten vermitteln. Andere Szenarien zeigen spielerisch, wie wirtschaftliche Entscheidungen unter Berücksichtigung der Bedürfnisse von fiktiven Patienten sinnvoll getroffen werden können.
Sein Beruf existiert in dieser Form erst seit der Corona-Pandemie. Aufgrund der Pandemie konnten die Studierenden keine Praxiserfahrungen in den Krankenhäusern oder Pflegezentren sammeln. Die Lösung lag darin, ein normales Klassenzimmer in den Simulationsraum umzuwandeln. Drude vergleicht den immersiven Raum gerne mit Augmented Reality (AR): Die computergestützten Funktionen erweitern dabei die Realität. Auf zunächst leer erscheinende Wandflächen werden die vorprogrammierten Räumlichkeiten projiziert und beliebig durch Geräusche ergänzt. Werden die projizierten Gegenstände mit der Hand berührt, reagiert die Sensorik wie bei einem Touchscreen und sie können gezielt geöffnet oder zerbrochen werden. Durchschnittlich dauert die Entwicklung eines solchen Szenarios ungefähr 10 Wochen. „Meistens kommen die Dozierenden mit Ideen auf mich zu und ich sage zu schnell, dass es funktionieren wird. Erst später kommt die Frage hoch: Wie machen wir das eigentlich?“, erzählt Drude schmunzelnd und ergänzt, dass ihn genau diese unlösbaren Probleme reizen.
Die University of Cumbria stellt für Drude einen wichtigen Bezugspunkt und Begleiter in seinem Leben dar. 2013 schloss er hier das Studium „Film and Television“ ab und knüpfte mit dem Master „Creative Practice“ an. Seitdem lebt Drude im Norden Englands, Deutsch sei mittlerweile zu seiner „Zweitsprache“ geworden, wie er lachend zugibt. Dennoch bleibt er fest im Schwarzwald verwurzelt. Für das zehnjährige Jubiläum des Kurzfilms „Funkenflug“ hat er St. Georgen und dem Theater im Deutschen Haus letztes Jahr einen Besuch abgestattet. „Das Theater ist wie mein zweites Zuhause.“ Schon im Jugendalter hat er dort seine ersten kreativen Erfahrungen gesammelt, unter anderem als Regisseur mit der Inszenierung von Kafkas “Der Prozess“. „Es war toll, dass es einen Ort gab, an dem man sich kreativ ausprobieren konnte und wo die Leute dich ermutigt haben, einfach mal zu machen.“
Der Kurzfilm hingegen war sein bislang wichtigstes filmisches Projekt. Thematisiert wurde die Brandkatastrophe, die sich 1865 in St. Georgen ereignet hat. Drude war hierbei Hauptverantwortlicher für den Schnitt, lieferte Input für die Szenen und war als erster Regieassistent am Set. „Es war unglaublich viel Arbeit, aber auch unglaublich bereichernd“, resümiert Drude. Er lacht und schüttelt den Kopf: „Wir waren so grün. Wir dachten uns: Insgesamt täglich um die 70 Menschen zu koordinieren und alles in 20 Tagen abdrehen... Klar, kein Problem!“ Dabei würden am Set fast täglich allerlei kleine Hürden auftauchen. „Du hast so viele Rollen und musst dazwischen jonglieren“, erläutert er zurückblickend. „Als Regieassistenz musst du entscheiden, ob die Szene trotz der Änderungen funktioniert. Als Cutter überlegst du, was das für schnittechnische Folgen für die weiteren Szenen haben könnte und gleichzeitig wartet hinter dir dein Team auf eine klare Ansage.“ Heute hilft ihm diese Fähigkeit, die Lernziele und Anforderungen an die Simulation mit technischen Möglichkeiten zu verknüpfen.
Zurückblickend hält er gerade die 20er Jahre für ideal, um sich kreativ auszutoben. Wer mit dem Gedanken spielt, ein eigenes kreatives Projekt zu starten, sollte diese Zeit laut Finn H. Drude unbedingt nutzen. „Man hat genug Lebenserfahrung, um entsprechend vorausschauend zu planen, aber noch nicht genug, um sich von all den Sachen die schief gehen könnten, abbringen zu lassen.“
Egal ob Regisseur, im Schnitt, Mal vor der Kamera oder eben als Specialist Technician für digitale Simulationen im Gesundheitssektor – „Solange ich mich kreativ ausleben kann, bin ich glücklich“ fasst er zusammen.