Beerdigungskultur im Veischedetal in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Beerdigungskultur im Veischedetal im letzten Jahrhundert

von Ulrich Rauchheld, Bilstein


Nachdem ich nach meiner 1. Hl. Kommunion Messdiener geworden war, nahm ich regelmäßig an Beerdigungen in meinem Heimatort teil. So habe ich im Laufe der vielen Jahre auch deutliche Veränderungen in der Beerdigungskultur miterlebt.

Im Gegensatz zu heute starb man früher meistens zu Hause im Kreis der Familie. So bekam man schon als Kind das Sterben z.B. der Großeltern hautnah mit, was vielen Kindern heute absolut fremd ist. Dazu gehörte das gemeinsame Beten vor und nach dem Versterben des Angehörigen, aber auch das Spenden des Sterbesakramentes (Letzte Ölung) durch den Pfarrer des Ortes. Bis zur Beerdigung, die in der Regel drei Tage nach dem Tod stattfand, blieb der oder die Verstorbene im Haus. Ein kühler Raum, falls vorhanden, wurde abgedunkelt und mit einer kleinen Fichte ausgestattet. Der Bestatter war damals in der Regel ein ortsansässiger Schreiner, zu meiner Zeit in Bilstein Schreiner Nüschen-Winter oder „Schorsch“ Prokopp, vor meiner Zeit der Schreiner Schmidt (Dorthen-Meisters). In Grevenbrück die Schreiner Hellekes, Lingemann. Diese beschafften den Sarg und legte Verstorbene mit einem Schwarzen Anzug bzw. Kleid in den Sarg. Meist wurde der Leichnam vorher gewaschen. Dieser Schreiner kümmerte sich auch um weitere Formalitäten beim Standesamt und Pfarramt. Bis etwa 1990 gab es in Trockenbrück das Sägewerk Hellekes, die u.a auch Särge herstellten.

Jeden Abend zwischen dem Tod des Verstorbenen und seiner Beerdigung fand abends in der Kirche das Totengebet statt. Vorbeter war eine Frau aus der Gemeinde. Je nach Anzahl der Verwandten, Freunde und Bekannten im Dorf war die Betstunde unterschiedlich gut besucht.

Der Tod des Dorfbewohners wurde durch Läuten der Totenglocke am Todestag akustisch und durch das Verschicken persönlicher Anzeigen oder per Zeitungsanzeigen bekannt gegeben. Die Beerdigung fand in den meisten Fällen am Morgen statt. In Bilstein war es Veischen Hubert ( Hubert Hanses) der mit Pferd - einem Kaltblüter - und Totenwagen zum Trauerhaus fuhr.. Nach der Einsegnung durch den Pfarrer trugen 6 Männer aus der Nachbarschaft den Sarg mit dem/der Verstorbenen zum Leichenwagen. Dieser Leichenwagen mit Dach, alles in Schwarz gehalten, hatte undurchsichtige Vorhänge. Ebenfalls in Schwarz waren Trauersymbole wie Kreuz und eine Art Tannenzweige aufgemalt. Vom Trauerhaus ging es dann - angeführt von einem Messdiener mit dem Kirchenkreuz - zur Kirche. Der Sarg mit dem Verstorbenen wurde vor der Kommunionbank platziert. Es folgte die Hl. Messe mit Predigt. Es war früher nicht üblich, das Leben des Verstorbenen zu beschreiben und Verdienste aufzuzeigen.

Nach der Einsegnung ging es dann zum Friedhof. Ein Kind aus der Nachbarschaft des Toten trug dabei das Grabkreuz. Da in vielen Jahren die Oberklasse bei jeder Beerdigung dabei war, beteten einige Mädchen als Vorbeter auf dem Weg dort- hin den Rosenkranz. Diese Schulkinder trugen die bei der Kirche von Trauernden abgelegten Kränze, zum Teil mit Schleifen, zum Friedhof.Vor dem Friedhof wurde der Sarg vom Wagen herunter geholt und von den Sargträgern zum Grab getragen. Diese wiederum trugen weiße Handschuhe und warfen diese, nachdem man den Sarg in das Grab gelassen hatte, ins offene Grab. Meist waren mehrere Messdiener mit Weihwasser und Weihrauch dabei. Zum Abschluss der Zeremonie wurde noch ein Lied am Grab gesungen. Schweigend verabschiedeten sich Angehörige, Verwandte und Bekannte, indem sie einen Moment vor dem offen Grab verweilten. Am Friedhofsausgang verteilten zwei Kinder die Totenzettel in Erinnerung an den Verstorbenen. Darauf waren zu lesen der Name, das Alter und einige den Angehörigen wichtige Dinge im Leben des Verstorbenen. Diesen Zettel legte man ins Gesangbuch („Sursum Corda“).

Wer eine persönliche Todesanzeige bekommen hatte, bekam auch häufig eine kleine Einladungskarte für den Beerdigungskaffee, in der Regel in einem Hotels des Dorfes, Bäckerei oder Gasthof. Hier gab es erst einmal einen Schnaps, dann Kaffee und den klassischen Beerdigungsstreuselkuchen. Bei der Beisetzung von Verstorbenen die im reifen Alter gestorben waren, war es Sitte, dass man ihnen „das Fell versoff“. Zu gut deutsch: Der Beerdigungskaffee wurde so verlängert, dass man am Nachmittag mehr als nur schwankend nach Hause ging. Daran beteiligt waren fast immer die Sargträger. Der oder die Grabkreuzträger(in) wurde ebenfalls zum Beerdigungskaffee eingeladen.

Auffällig war zu dieser Zeit, dass alle Beerdigungsteilnehmer schwarze Kleidung trugen als Zeichen der Trauer und Anteilnahme. Meist war dies ein Anzug mit weißem Hemd, dunkler Krawatte und Zylinder. Die Frauen trugen schwarze Kleidung mit weißer Bluse.

Vier Wochen sowie ein Jahr nach dem Tod des Angehörigen feierte manin der Kirche einen Erinnerungsgottesdienst für den Verstorbenen. Ein Jahr lang trugen Angehörige zumindest an Sonn - u. Feiertagen schwarze Kleidung als Zeichen der Trauer. Außerdem besuchte man in dieser Zeit keine öffentlichen Feierlichkeiten wie Schützenfeste. Auffällig ist, das ganz selten der oder die Tote noch fotografiert wurde. Von Pastor Schulte aus Bilstein, der 1952 verstarb, existieren heute noch im Ort Fotos vom Sterbebett mit Messgewand und Messkelch in den Händen.

Die Liegezeit auf dem Friedhöfen beträgt zur Zeit 25 Jahre. Wenn man möchte, kann diese Zeit durch Zahlung einer entsprechenden Gebühr verlängert werden.


Anmerkungen: Vor meiner Zeit wurden Selbstmörder „hinter der „Hecke“, also nicht auf dem Friedhof beerdigt. Das hat sich schon vor mehr als 60 Jahren geändert. Als ich im siebten und achten Schuljahr war, habe ich zweimal an einer Kinderbeerdigung als Sargträger teilgenommen. Der Sarg war weiß. Eine ganz besondere Erfahrung! Diese Kinder waren an alltäglichen Krankheiten - die heute heilbar sind – oder als Frühgeburt, verstorben. Mit 16 Jahren habe ich meinen Sportkameraden den Torwart vom SSV Kirchveischede, Joachim Schneider mit zu Grabe getragen. Er war durch einen Motorradunfall ums Leben gekommen.